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Seite 9: Externe Validität von GKV-Routinedaten

Bibl. Angaben: Horenkamp-Sonntag, Dirk (2016): Externe Validität von GKV-Routinedaten. Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Medizinischen Fakultät Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin. Dissertation. Aus dem Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie.

Einleitung: Für wissenschaftliche Analysen der Versorgungsforschung wird zunehmend auf GKV-Routinedaten zurückgegriffen. Da diese Daten primär zur Leistungsabrechnung erhoben worden sind, können diese nur als Sekundärdaten für andere Fragestellungen herangezogen werden. Hierbei stellt sich Frage, wie valide eine derartige Datengrundlage ist.

Methodik: Es wird untersucht, wie valide der Krankheitsverlauf und -umfang der Versicherten über die bei gesetzlichen Krankenkassen vorhandenen (Sekundär-) Daten abgebildet werden kann im Vergleich zu Angaben aus Primärdaten. Als Primärdaten werden von Ärzten und Patienten dokumentierte Angaben aus Follow-up-Fragebögen im Rahmen eines Modellvorhabens der Techniker Krankenkasse (TK) herangezogen (n = 363 Patienten mit Koronarstenose) und mit den dazugehörigen GKV-Routinedaten verglichen. Es werden die Parameter Arbeitsunfähigkeit (AU), Arzneimittelinanspruchnahmen und Krankenhausaufenthalte untersucht.

Ergebnisse: Arbeitsunfähigkeit: Eine AU-Übereinstimmung von Krankenkassen- und Patienten- Daten beträgt aus TK Perspektive im Untersuchungszeitraum FU1 (0-3 Monate) 61,8%, FU2 (4-6 Monate) 82,2% und FU3 (7-12 Monate) 81,3%. Der größte Anteil für die Übereinstimmung (> 95%) geht auf gesunde Versicherte (ohne AU-Tage) zurück. Fokussiert man nur auf Versicherte mit AU-Tagen, beträgt die Übereinstimmung in FU1 0% (n = 132 Versicherte), in FU2 10% (n = 60) und in FU3 4,9% (n = 61). Arzneimittelinanspruchnahmen: Beim Vergleich einzelner Medikamente stimmt die bei den Ärzten dokumentierte Einnahme von Clopidogrel mit den TK- und Patienten-Daten in hohem Ausmaß (> 90%) überein. Für Acetylsalicylsäure liegt die Übereinstimmung in den Patientendaten bei 90%, in den TK-Daten bei 50%. Über den Gesamtzeitraum hinweg (0-12 Monate) beträgt der Patientenanteil mit einer 100%-Übereinstimmung der Gesamtmedikation aus TK-Perspektive gemittelt 28,8%, aus Patientenperspektive 52,1%.

Krankenhausaufenthalte: Im Gesamtzeitraum sind in den TK-Daten 1.976 Krankenhaustage dokumentiert, in den Patientendaten 3.109 Tage und in den Arztdaten 1.156 Tage. Aus TK-Perspektive beträgt die Übereinstimmung mit den Patientendaten hinsichtlich der stationären Verweildauer in FU1 für alle Patienten mit Krankenhausaufenthalt 37,8%, in FU2 66,4% und in FU3 61,0%.

Schlussfolgerung: Das Ausmaß der Übereinstimmung zwischen den drei Datenquellen Arzt, Patient und TK fällt in Abhängigkeit vom untersuchten Parameter (AU, Medikamente, Krankenhausaufenthalte) und Zeitpunkt sehr different aus. Globale Aussagen zur Validität der TK Sekundär- Datenbasis sind somit nicht möglich. Jeder Schwerpunkt kann nur individuell unter Berücksichtigung seiner jeweiligen methodischen Limitationen interpretiert werden. Zu berücksichtigen ist, dass die beiden Vergleichsdatenquellen Arzt und Patient selbst nur eingeschränkt valide sind und somit nicht per se als Goldstandard für einen Vergleich herangezogen werden können. Je einfacher die Operationalisierung unter Berücksichtigung der jeweiligen methodischen Limitationen in den Primärdatenquellen vorgenommen wird, desto höher ist die Übereinstimmung zwischen den drei betrachteten Datenquellen.

Einordnung in den Kontext des Pandemiemanagements: Diese Monographie thematisiert die Problematik der Diagnosevalidität für andere Leistungssektoren, die auch potenziell für das Follow-up von Covid-19-Patient:innen geeignet erscheinen. Dabei muss bei der Validierung auf diagnose- und fragestellungspezifische Besonderheiten geachtet werden, etwa bei der Validierung somatischer und psychischer Diagnosen.